BN und regionale Versorger fordern dezentrale Energiewende

Norbert Kolb, Sprecher der Bürgerinitiative „Bergrheinfeld sagt Nein“ nennt sie „Giganten der Macht“: die Größten der fast 150 Strommasten, die sich schon auf Gemeindegebiet tummeln. Geht es nach dem Netzentwicklungsplan, könnte es noch mehr knistern, über den Köpfen und unter den Füßen, mit der geplanten Erdkabeltrasse SuedLink, der Konverterhalle oder den Freileitungen P43 und P44.

Das neue Umspannwerk „Bergrheinfeld-West“ sehe bereits jetzt aus wie „einer der größten Häfen der Welt“, sagt Kolb auf einer Infoveranstaltung mit Podiumsdiskussion im Pfarrheim. Bis 2025 könnte es acht Gigawatt zusätzliche Anschlussleistung am Netzverknüpfungspunkt geben, ein Mehrfaches der bisherigen Kapazitäten.

Stromverteilungsdrehscheibe

Die Bürgerinitiative bezweifelt, dass es nur um technische Anpassungen an Atomausstieg und Energiewende gehe und sieht Bergrheinfeld schon als „europäische Stromverteilungsdrehscheibe“. Der Vorwurf: Mit dem Netzausbau solle auf Jahrzehnte die Marktmacht der Großversorger zementiert und weniger Windstrom von der Küste, als vielmehr billiger deutscher Braunkohlestrom transportiert werden. Auf Kosten der Bevölkerung und der Wertschöpfung vor Ort, zu Lasten einer dezentralen Energie-Versorgung, aus Windkraft, Biomasse, Solarenergie.

Auch Bürgermeister Ulrich Werner will es nicht hinnehmen, dass „knapp 25 Prozent“ des künftigen deutschen Stromumschlags vor der eigenen Haustür stattfinden soll. Die Gemeinde sei vielfältig belastet, mit Autobahnen, Mülldeponien, Bahnstrecken, dem rückgebauten AKW und jeder Menge Strom-Leitungen. „Nachhaltige Energiepolitik: Fake oder Wahrheit“ nennt sich der Vortragsabend, mit über 300 Besuchern aus der gesamten Region.

Die Interkommunale Allianz Oberes Werntal hat eigens eine Sitzung ausfallen lassen und ist mit ihren Bürgermeistern vertreten. Gerald Höfer vertritt als Geschäftsführer der Main-Donau-Netzgesellschaft MDN den erkrankten Referenten Rainer Kleedörfer, leitender Mitarbeiter im Mutterunternehmen N-Ergie (als regionaler Versorger aus Nürnberg).

Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund Naturschutz Bayern, fügt im Anschluss noch eine „politische“ Grundsatzrede hinzu. „Die Energiewirtschaft will eine Anpassung an den europäischen Strommarkt, nicht an technische Erfordernisse“, sagt MDN-Netzexperte Höfer und vergleicht HGÜs, Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen, mit zehnspurigen
Autobahnen.

Der europäische Marktliberalismus verlange Transportstrecken durch Deutschland. In Folge käme der Solarstrom künftig aber am günstigsten aus Südeuropa, Windkraft aus dem Norden – im eigenen Land bliebe Strom aus regenerativen Energien auf der Strecke. Im Sinne des Klimaschutzes müsste sich dessen Anteil eigentlich vervielfachen.

Mit dem aktuellen Rechtsrahmen drohe der dezentralen Energiewende aber der „Todesstoß“. Die Gesetze seien auf Investoren-Interessen zugeschnitten: Wobei TenneT zu 100 Prozent dem niederländischen Staat gehöre, hinter 50Hertz australische und belgische Geldgeber stünden. Durch Abgaben und Umlagen sei der Strom, im Vergleich zu Erdgas oder Kraftstoff, überproportional hoch belastet, was vor allem Privathaushalte spürten, mit Preisen an der 30 Cent-Marke. Während durch den massiven Netzausbau Kosten von 50
Milliarden, vielleicht sogar 100 Milliarden Euro ins Haus stünden. Stromausfälle seien nicht das Problem: „Die Versorgungssicherheit ist nicht gefährdet, auch wenn ich eine Trasse nicht baue“.

Deutschland ist Spitzenklasse

Deutschland sei da im internationalen Vergleich Spitzenklasse. Höfer förderte Investitionen in Speichertechnik wie Power to Gas, regionale Optimierungen und den Systemwechsel: Der Netzausbau dürfe sich nicht an der Produktion orientieren, die Produktion müsse sich in Zukunft flexibel ans Netz anpassen.

„Die Zeit läuft gegen uns“, kritisierte BN-Chef Hubert Weiger, der in scharfen Worten das „Geschmarre“ und die ökologische Inkompetenz der Spitzenpolitik geißelte. Noch nicht einmal der Atomausstieg sei geschafft, der schneller kommen müsse, um ein Fukushima-Szenario zu verhindern.

Auch ein Endlager für Atommüll sei nicht in Sicht. „Raus aus Atom, raus aus der Kohle“, lautete Weigers Forderung, „eine gewaltige Aufgabe“. Stattdessen würde finanziell Druck auf Bürger ausgeübt, sich aus der Nutzung regenerativer Energien zurückzuziehen. Man brauche endlich eine Grundsatzentscheidung der Politik, „dezentral“ statt „HGÜ“.

Insbesondere forderte der Landesvorsitzende von Söder eine Abkehr von der Seehoferschen 10H-Regelung bei der Windkraft. Die Übertragungsnetze müssten wieder in staatliche Verantwortung, wie Autobahnen und Schienen. Die Debatte drehte sich um die Frage, wie man die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen und den Politikwechsel erreichen könne.

Man habe dezentrale Lösungen in der Netzentwicklung prüfen lassen wollen, so Eva Bulling-Schröter, als Klimaexpertin der Linken: das sei abgelehnt worden. BN-Kreischef Edo Günther forderte, per Stimmzettel Einfluss auf die Politik zu nehmen. Den Bürgerinitiativen versprach Weiger rechtliche Unterstützung im Kampf gegen SuedLink & Co. zu.

 

Mainpost v. 17.01.2018